• Silvia

Gessler versus Willhelm Tell

Ähnlichkeiten mit heutigen Vorkommnissen sind natürlich rein zufällig.


„Das Volk hat aber doch gewisse Rechte“, meint Rudolf, Stallmeister von Hermann Geßler, dem Reichsvogt der Kantone Schwyz und Uri. Der antwortet lakonisch: „Die abzuwägen ist jetzt keine Zeit.“


Geßler, der Verwalter der besetzten Bezirke der Alpenregion, hat in Altdorf auf dem Marktplatz einen Hut auf einen Stock gepflanzt. Daneben steht eine Wache, die jeden abführt, der nicht vor diesem Popanz salutiert. Zur Begründung gibt Geßler an:


Ich hab den Hut nicht aufgesteckt zu Altdorf

Des Scherzes wegen, oder um die Herzen

Des Volks zu prüfen; diese kenn ich längst.

Ich hab ihn aufgesteckt, dass sie den Nacken

Mir lernen zu beugen, den sie aufrecht tragen --

Das Unbequeme hab ich hingepflanzt

Auf ihren Weg, wo sie vorbeigehn müssen,

Dass sie drauf stoßen mit dem Aug‘ und sich

Erinnern ihres Herrn, den sie vergessen.


Der mittlerweile sprichwörtliche Geßlerhut in Friedrich Schillers Drama „Wilhelm Tell“ wurde also explizit nicht aufgestellt, um die wahre Gesinnung des Volkes zu testen. Diese setzt Geßler als bekannt voraus; er weiß, dass die Menschen ihren Unterdrücker hassen. Vielmehr ist der Hut ein Gehorsamstest. Nicht herzliche Zustimmung wird erwartet, sondern zähneknirschende Unterwerfung. So reagiert der „Landesvater“ auch sehr ungnädig, als der Titelheld dem Hut den Gruß verweigert.


Verachtest du so deinen Kaiser, Tell,

Und mich, der hier an seiner Statt gebietet,

Dass du die Ehr‘ versagst dem Hut, den ich

Zur Prüfung des Gehorsams aufgehangen?

Dein böses Trachten hast du mir verraten.


„Böse“ ist also, wer die inhaltlich völlig absurde, jedoch symbolisch aussagekräftige Geste verweigert. Tell muss in der Folge seinem Sohn einen Apfel vom Kopf schießen und dessen Leben riskieren. Schließlich wird er verhaftet, nachdem er den Reichsvogt bedroht hat…


https://www.rubikon.news/artikel/die-gehorsams-probe


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